| Jetzt erschienen sie wieder, die Bilder von den ersten Schultagen, die Bilder von Kindern mit einer Schultüte. - Für uns gab es damals keine Schultüte und an ein Foto hat niemand gedacht. Es herrschte Armut in Wesel. Sprichwörtlich arm wie Kirchenmäuse waren wir, aber nicht unglücklich. Durch die Kriegseinwirkungen war die Böhlschule stark beschädigt, die eigentliche Stadt zum großen Teil noch ein Trümmerhaufen. "Wesel wurde pulverisiert", schrieb das US-Magazin "Life" nach den Bombenangriffen". So wurde bis 1948 der Unterricht für die meisten Weseler Volksschüler in der Holzwegschule und in der Mühlenwegschule erteilt. Alle Schüler, auch die des ersten und zweiten Schuljahres aus dem Umkreis der heutigen City, mußten diesen Weg zu Fuß gehen. Fahrgelegenheiten gab es kaum. Erst 1948 war die Böhlschule teilweise soweit hergestellt, daß dort der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden konnte. Nach der Währungsreform, am 19. Juni 1948, kam dann zum ersten Male ein Fotograf in die Schule. So entstand das Klassenfoto der damaligen dritten Klasse der Böhlschule. Das erste Klassenfoto überhaupt für uns Drittklässler.
| | Für die Aufnahme waren von Schülern der oberen Klassen Bänke auf den Schulhof gebracht worden und klassenweise wurden wir dann fotografiert. Selbstgestrickte Kleidung, so erkennt man, war normal. Der in der ersten Reihe sitzende Klassenkamerad trägt keine Schuhe, obwohl nicht nur die Stricksachen deutlich machen, daß kein Hochsommer war! Wir waren eine Klasse mit 54 Schülern, was damals durchaus die Regel war. Unsere Lehrerin Fräulein Maassmann, geachtet und geliebt zugleich, sitzt auf dem Foto mitten unter uns, direkt neben mir. Gut erkennbar sind auch Kriegsschäden am Schulgebäude. Die Ausbesserungen sind später dann aber so erfolgt, das noch heute feststellbar ist, wo wir damals gestanden haben. Vielleicht haben unsere Lehrer diesen Platz mit Bedacht gewählt.
Die Benimmregeln waren sehr streng. So mußten wir uns nach Beendigung der Pause militärisch streng nach Klassen aufstellen und gingen so geordnet in die Schule. In der Klasse wurde von einigen Lehrern die Ordnung oft mit einem Stock unterstrichen. - Auch außerhalb der Schule war Respekt vor Erwachsenen groß. So waren Höflichkeitsformen wie Knicks und Diener etwas Selbstverständliches.
| | Dieser Respekt ging soweit, daß eine Klassenkameradin einmal vom Fahrrad sprang, um vor einer ihr entgegen kommenden Lehrerin den Knicks machen zu können Der Schulhof war nicht abgegrenzt, wenn man von den umgebenden Schuttbergen absieht. Das Verlassen des Schulhofes war natürlich verboten aber für die Lehrer eigentlich nicht zu kontrollieren. Noch in den folgenden Jahren waren für viele Schüler der oberen Klassen die Trümmer das eigentliche Pausenaufenthalts- gelände. - Von einem dieser Aufenthalte brachten Schulkameraden einmal einen Totenschädel in die Klasse, indem sie ihn an den verbliebenen Haaren hielten! Unser Klassenlehrer Rektor Winterhoff war entsetzt und hat -( über das Friedhofsamt der Stadt) - die verbliebenen sterblichen Überrest des im Krieg Umgekommenden zur letzten Ruhe betten lassen. 1953 pflanzten wir dann am Tag des Baumes auf dem Schulhof einen Baum an der Stelle, wo jetzt ein Pavillon für die heutige dritte Klasse steht.- Schade, daß der Baum verschwunden ist. Nur gut, daß noch mehr Bäume auf dem Schulhof gepflanzt wurden, die heute zu einer stattlichen Größe gewachsen sind. | | |